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Im Kolosserbrief (Kol. 2,16) begegnen wir dem bekannten Satz:
"So lasst euch von niemand richten wegen Speise oder Trank, oder wegen bestimmter Feiertage oder Neumondfeste oder Sabbate"
Viele Christen nutzen diesen Vers als Argument, den Sabbat der Zehn Gebote nicht mehr halten zu müssen. Um jedoch zu verstehen, was Paulus hier wirklich meint, darf dieser Vers nicht isoliert betrachtet werden. Eine genauere Untersuchung der verwendeten Begriffe, des alttestamentlichen Hintergrunds und des historischen Kontexts zeigt ein deutlich differenzierteres Bild.
1. Das Anliegen von Paulus im Kolosserbrief
Das gesamte zweite Kapitel des Kolosserbriefs warnt vor Irrlehren. Es ging Paulus darum, dass Judenchristen (oder andere religiöse Gruppierungen) den gläubig gewordenen Heidenchristen keine zusätzlichen, zeremoniellen Verpflichtungen aufbürden sollten. Riten, Opfer und Festsabbate hatten nach dem Tod Christi ihre Relevanz verloren. Niemand sollte sich dafür verurteilen lassen, diese Schattenrituale, die auf den Messias hingewiesen hatten und durch ihn ihre Erfüllung fanden, nicht mehr auszuüben. Aus dem Kolosserbrief und den anderen Briefen von Paulus lassen sich keine Schlüsse ziehen, dass Paulus die 10 Gebote (das Moralgesetz, das den Charakter Gottes widerspiegelt) für ungültig erklärt. Im Gegenteil definiert er in Röm. 7,7 die Übertretung der 10 Gebote als Sünde.
2. Der Kontext: Zeremonialgesetz statt Zehn Gebote
Der unmittelbare Zusammenhang in Kolosser 2 behandelt eindeutig zeremonielle Rituale. Paulus erwähnt beispielsweise die Beschneidung (Kolosser 2,11). In Vers 14 spricht er von den „Forderungen“ oder „Satzungen“ (griechisch: dogma), die gegen uns standen und ans Kreuz genagelt wurden. Dieser Begriff dogma wird von Paulus im Zusammenhang mit dem Gesetz ausschließlich für das alttestamentliche Zeremonialgesetz verwendet (so auch in Epheser 2,15) und nicht für die moralischen Zehn Gebote, in deren Zentrum der wöchentliche Sabbat steht.
Infobox: Das zermonielle Gesetz und das moralische Gesetz.
| Merkmal | Das Moralische Gesetz (Die Zehn Gebote) | Das Zeremonialgesetz (Mosaische Satzungen) |
|---|---|---|
| Ursprung & Autor | Von Gott selbst gesprochen und mit seinem Finger auf Steintafeln geschrieben (2. Mose 31,18). | Von Mose aufgeschrieben in ein Buch (5. Mose 31,24). |
| Aufbewahrungsort | Wurde in die Bundeslade gelegt (5. Mose 10,5). | Wurde neben die Bundeslade gelegt, als „Zeuge gegen dich“ (5. Mose 31,26). |
| Zweck & Funktion | Definiert Sünde; ist der ewige moralische Maßstab für die Beziehungen zu Gott und den Mitmenschen (Römer 7,7; 1. Johannes 3,4). | Definiert die Erlösung von Sünde durch Opfer, Reinigungsrituale und den Priesterdienst als „Schatten“ auf Christus (Hebräer 10,1). |
| Bedeutung des Sabbats | Enthält den wöchentlichen Sabbat (den 7. Tag). Er ist ein Rückblick auf die vollendete Schöpfung (2. Mose 20,8-11). | Enthielt die jährlichen Festsabbate (z. B. Posaunenfest, Versöhnungstag). Sie waren ein Vorblick auf die künftige Erlösung (3. Mose 23). |
| Dauer & Gültigkeit | Ewig und unveränderlich. Jesus sagte, er sei nicht gekommen, um es aufzulösen (Matthäus 5,17-18; Psalm 111,7-8). | Zeitlich begrenzt. Es wurde durch den Tod Jesu am Kreuz erfüllt, beendet und „ans Kreuz genagelt“ (Epheser 2,15; Kolosser 2,14). |
3. Die Parallele zu Hosea und den zeremoniellen „Festsabbaten“
Kolosser 2,16 zitiert fast wörtlich eine Formulierung aus dem Alten Testament. In Hosea 2,13 heißt es über das abtrünnige Israel:
„Und ich will aller ihrer Freude ein Ende machen, ihren Festen, ihren Neumondfeiern und ihren Sabbaten und allen ihren Feiertagen.“
Um welche Sabbate geht es hier? Das 3. Buch Mose (Kapitel 23) macht deutlich, dass Israel neben dem wöchentlichen Ruhetag (dem 7. Tag) auch jährliche Festsabbate hatte. Diese zeremoniellen Feiertage fielen auf bestimmte Kalendertage des Jahres, völlig unabhängig vom jeweiligen Wochentag:
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Der Posaunentag: „Im siebten Monat, am ersten des Monats, soll ein Ruhetag für euch sein...“ (3. Mose 23,24)
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Der Versöhnungstag: „Ein Sabbat der Ruhe soll es für euch sein... Am neunten Tag des Monats, am Abend, sollt ihr die Feier beginnen...“ (3. Mose 23,32)
4. Schatten der Zukunft vs. Denkmal der Schöpfung
In Kolosser 2,17 erklärt Paulus, dass die in Vers 16 genannten Dinge ein „Schatten des Zukünftigen“ sind, die Wirklichkeit aber in Christus ist. Zeremonielle Gesetze und Feste wiesen als prophetischer Schatten stets nach vorne auf das Erlösungswerk Jesu am Kreuz. Der wöchentliche Sabbat hingegen blickt in die andere Richtung: Er wurde bereits im Garten Eden eingesetzt (Schon vor dem Sündenfall) und weist als Denkmal zurück auf die vollendete Schöpfung. Siehe auch 2.Mose 20,11
Am Ende des sechsten Tages der Schöpfung blickte Gott auf sein Werk:
Gleichzeitig ist er ein ewiges Sinnbild für die Ruhe und die vollendete Erlösung in Christus 5.Mo. 5,6,14
Der Sabbat hatte auch eine Vorausschau auf die Erlösung und die zukünftige Ruhe, die wieder erreicht werden wird, wenn die Sünde abgeschafft ist.
So ist es äußerst bemerkenswert, nachdem Jesus am Kreuz sein Leben für die Menschheit gegeben hat, als letzten Satz ausruft: „Es ist vollbracht“.(Joh. 19,30). Nach dem gleichen Muster wie bei der Schöpfung, folgte daraufhin der Ruhetag im Grab. Jesus verdeutlicht die wichtige Bedeutung des Sabbats als Zeichen der Erlösung. Erlösung in Jesus bedeutet als erstes Ruhe finden und sein Nachfolger werden = seinen Geboten folgen.
5. Speise, Trank und der Heiligtumsdienst
Paulus nennt in Kolosser 2,16 gemeinsam mit den Sabbaten auch Speise und Trank. Es gibt im Alten Testament keine Vorschrift, die Trankopfer mit dem wöchentlichen Ruhetag verbindet. Sehr wohl aber gibt es eine enge Verbindung zwischen Speise- und Trankopfern und den jährlichen Festsabbaten. Diese Festsabbate waren untrennbar mit dem Dienst am irdischen Heiligtum verbunden. Als Jesus am Kreuz starb, riss der Vorhang im Tempel entzwei. Dies war das sichtbare Symbol dafür, dass der zeremonielle Heiligtumsdienst, die Opfer und die prophetischen Festsabbate unf Festtage ihre Erfüllung in Jesus gefunden hatten.
6. Das durchgehende Vorbild Jesu und der Apostel
Der wöchentliche Sabbat ist in der gesamten Bibel fest verankert. Es gibt im Neuen Testament keinen Hinweis darauf, dass er als Ruhetag abgeschafft wurde:
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Jesus im Dienst: Er hielt den Sabbat gewohnheitsmäßig in seinem irdischen Leben.
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Jesus im Tod: Selbst im Tod ruhte Jesus am Sabbat im Grab, bevor er am ersten Tag der Woche auferstand.
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Die Apostel: Die frühe Gemeinde und die Jünger hielten den Sabbat auch nach der Kreuzigung weiterhin.


